Wer ist eigentlich diese „Beste Freundin“?

Seit ich denken kann, war es für mich völlig normal, dass jede Frau eine beste Freundin braucht. Dieser Gedanke war für mich genauso gewöhnlich, wie der dass meine Eltern verheiratet sind. Das ist einfach richtig so, dachte ich.

Was für ein privilegiertes Denken!

In der Grundschule hatte ich eine beste Freundin, Ida. Bis ich umzog, waren wir wie Pech und Schwefel. Wir haben alles gemacht, was man als Kinder so macht. Pyjama-Partys, Schatztruhen verbuddeln, Barbies spielen und Geheimnisse austauschen. Natürlich gehörte dazu auch jede Menge Zickerei (okay, meistens war ich Schuld).

Als ich wegzog, haben wir uns noch einige Jahre lang Briefe geschrieben, wir hatten dann eine richtige Brieffreundschaft. Das gehört bei all den gemeinsamen Erinnerungen an diese Zeit zu einer von den Schönsten.

Diese Freundschaft war einmalig, weil sie einfach einen großen Teil meiner Kindheitserinnerungen ausmacht.

Während meiner Schulzeit hatte ich Freundschaften, die einem großen Wandel und der Frage nach Identität ausgesetzt waren. Mit meiner besten Freundin damals, hatte ich so ziemlich jede Stimmungsschwankung, Typveränderung, Herzschmerz, Hoffnung, jedes Hoch und Tief durchgemacht. Leider war es zu meiner Schulzeit nicht gerade einfach, autonom zu sein. Entweder du gehörtest dazu oder eben nicht. Das hat in einigen Situationen für Konkurrenzkämpfe gesorgt. Ich meine, die 90er-Kinder sind es ja gewohnt, von klein auf miteinander verglichen und bewertet zu werden. Oder was hast du gesagt, wenn die Frage aufkam was Emily in Englisch hatte?
So einige Freundschaft hat das letztlich nicht mehr ausgehalten. Auch diese nicht.

Bis dahin hinterfragte ich auch Freundschaften gar nicht so großartig. Es war mir wichtig, dass wir zusammen Spaß haben. Wenn man über die Zeit erwachsen wird, weiß man natürlich andere Qualitäten zu schätzen. Verständnis, Empathie, Verlässlichkeit.

Und hier fehlte mir lange Zeit eine Freundin, die genau diese Eigenschaften mitbrachte. Mir fehlte es, jemandem nicht ständig meine Seele übersetzen zu müssen. Jemand, der mit nicht nur mit mir auf einer Wellenlänge ist, sondern auch mit mir die langweiligen Sachen macht. Behördengänge, Einkäufe oder eine Wand im Keller streichen.

Irgendwie hatte ich aber immer den Eindruck, wenn Frauen von ihren besten Freundinnen erzählten, kam auch immer der Zusatz „Wir kennen uns schon seit der Grundschule!“

Wieso ist es so wichtig, dass eine Beziehung schon lange andauert? Was soll das aussagen? Hat ein langer Kontakt ein Vorrecht darauf bevorzugt behandelt zu werden? Warum?

Ich denke, es ist natürlich eine schöne Erfahrung, wenn man mit jemandem reden kann und in alten Erinnerungen schwelgen kann. Wenn man jemanden kennt, seit man klein ist, wird diese Beziehung natürlich immer eine besondere sein. Wertet diese Dauer der Beziehung dann die ganze Beziehung insgesamt auf? Oder wollen wir sie nur in Jahren bemessen, weil wir nicht wissen, wie wir ihr ansonsten Qualität zuschreiben sollen?

Aber genauso wertvoll wie meine Briefe von früher, sind doch auch die Freundinnen, die ich in der Ausbildung gewonnen habe, die ich auf Geburtstagen kennen gelernt habe oder vielleicht beim Nebenjob?
Dadurch, dass wir uns ständig verändern, ändert sich doch auch irgendwie das, was wir von einer Beziehung wollen, oder nicht?

Jede Freundschaft die wir haben, hat doch auch ihren ganz eigenen Stellenwert. Die eine ist mein Work-Bestie, die andere mein Gym-Bestie, eine mein Travel-Buddy und mit einer kann ich meinen schrägen Humor teilen. Jede Beziehung, auf ihre Art, ist doch etwas ganz Besonderes. Und gibt uns etwas, was niemand anderes uns geben kann. Jede dieser Verbindungen trägt eine eigene Geschichte, hat einen eigenen Vibe. Vielleicht unterscheiden wir uns in vielen anderen Dingen, aber diese eine Sache, die gehört nur uns.

Was ist dann eigentlich an einer „besten“ Freundin anders, als an den anderen? Muss eine beste Freundin diesen ganzen Katalog erfüllen? Das ist ganz schön viel Druck.

Wieso wollen wir eigentlich unbedingt diesen Titel „Beste Freundin“ vergeben? Machen wir das für die Freundin, für die Gesellschaft oder wollen wir wissen, wo wir stehen?

Ich für mich denke, ganz schlicht: „Beste Freundin“ ist keine Zeitangabe, kein Exklusivrecht, kein Barometer, sondern ein Gefühl.
Eine beste Freundin ist die, die sich nach Zuhause anfühlt. Was auch immer das heißen mag.
Für mich ist zu Hause da, wo ich nicht erklären muss, nicht rechtfertigen, nicht fürchten. Sondern einfach ankommen.

Dafür muss ich nicht schon im Sandkasten mit dir eine Sandburg gebaut haben und wir müssen auch nicht zusammen zur Schule gegangen sein. Wenn wir uns als Erwachsene kennen gelernt haben und trotzdem dieselben Geschichten aus der Kindheit erzählen können. Wenn wir ohne große Erklärung wissen, warum der andere denkt, was er denkt. Wenn ich auch in meinem Denken und Handeln herausgefordert werde. Wenn wir herzhaft zusammen lachen können, ich mich aber trotzdem auch ausheulen kann. Dann ist das Zuhause.

So wie wir ein Zuhause ein Zuhause nennen, wollen wir auch andere Dinge benennen, die uns nahe sind. Wir haben Namen für viele verschiedene Beziehungen, aber präzise werden wir erst, wenn sie uns unter die Haut gehen.

Wenn du einen Freund hast, sagst du mein Freund, nicht ein Freund. Damit aber auch allen da draußen klar ist, dass dieser Mensch dir ganz besonders nahe steht. Wenn du heiratest, sagst du nicht mehr „Freund“, sondern „Ehemann“. Und sobald man das sagen kann, ist man ja auch irgendwie stolz darauf, oder?
Wieso sollte das bei einer besten Freundin anders sein? Vielleicht brauchen wir diesen Titel ja gar nicht, sondern wollen ihn einfach. Weil wir damit etwas Schönes verbinden. Etwas Echtes, das zu uns gehört.

Avatar von viktoria.boettinger

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