So will ich nicht gemocht werden

Ich stand eines Tages in der Küche und habe gekocht, als ich diesen Satz gehört habe. „So will ich aber nicht gemocht werden“, sagte ein YouTuber in dem Video, das ich nebenher angehört habe.
Ich hatte instant Gänsehaut. Das macht so viel Sinn.

Aber… wie jetzt? Irgendwie ist der Satz auch gleichzeitig sehr schwer einzuordnen.
Ich nahm ihn mir mit.

Jedem von uns fallen sofort Beispiele ein, wenn man daran denkt, wie unfair man bereits behandelt worden ist. Situationen, in denen die Gegenseitigkeit fehlte, beispielsweise die Gegenfrage zu „Wie geht es dir“, die Nachfrage zu deiner Prüfung, die Erkundung nach deinem Wohlbefinden wenn du längere Zeit krank warst.

Diese Momente enttäuschen uns und trotzdem haben wir keine richtigen Worte für sie. Und sprechen sie auch nicht an.
Wir haben leider alle gelernt, dass wir „nicht so empfindlich“ sein sollen. Dass wir uns besser nicht verletzlich zeigen, weil wir ansonsten nur Kritik oder Spott dafür ernten. Also schlucken wir es runter und tragen es mit uns herum, des (faulen) Friedens willen. Aber natürlich sind es nicht wir, die damit Frieden schließen, sondern die anderen. Weil wir es ihnen auch nicht unbequem machen.

Wann ist dann aber eigentlich der Kipppunkt?

Ich habe einige Kontakte gehabt, zu Menschen die ich sehr mochte. Freundschaften sind in meinem Leben das bewegteste Thema. Ich liebe Freundschaften und habe eine romantische Vorstellung davon, dass sie für immer halten können, wenn wir bereit sind uns miteinander auf einen Weg zu begeben.

Natürlich teilt nicht jeder meine Vorstellung davon und das ist okay.

Ich persönlich finde, alle paar Tage/Wochen mal nachzufragen, wie es einander geht, ist völlig angebracht. Wieso sollte man nur Kontakt haben, wenn etwas passiert ist oder man einander braucht? Ich kann mich doch auch mal nach dem gewöhnlichen Alltag erkunden.
Diese Frage ist so klein und doch kommt sie so selten von anderen. Und gerade dadurch habe ich gemerkt, wie wichtig sie mir eigentlich ist.

Wenn sich jemand aber nur bei mir meldet und mir dann schreibt, wenn ich ihm mal wieder helfen soll, stellt sich bei mir sehr schnell das Gefühl ein, dass ich nur dafür gut genug bin.
Wenn mich jemand treffen möchte, aber bitte jedes Mal nur kurz und selten zwischen zwei Terminen, dann habe ich das Gefühl, mehr Zeit bin ich ihm nicht wert.
Wenn ich wochenlang auf eine Antwort warten muss, dann frage ich mich, ob ich überhaupt noch fragen soll. Ist das alles, was für mich dabei rausspringt? Will ich so eine Verbindung?

Das sind ein paar Momente, die in mir das Gedankenkarussell ganz schön in Bewegung setzen.

Habe ich das richtig gesagt? Hat sie mich vielleicht missverstanden? Was, wenn er jetzt was falsches denkt? Habe ich was falsch gemacht? Warum meldet sie sich nicht? Wieso hat er so kurz geantwortet?

„Vielleicht hat der andere ja sein Bestes gegeben.“
„Ich bin halt nicht so der Typ für lange Gespräche…“
Ich bin halt dies, ich bin halt das.
Das ist okay. Aber so will ich nicht gemocht werden. Da passen wir wohl nicht zusammen. Das ist in Ordnung.

Es gibt nichts kräftezehrenderes in Verbindungen, als eine schlechte Kommunikation. Wenn ich nicht fragen kann, ob irgendwas zwischen uns steht, ohne zu erwarten dass diese Frage einen Streit vom Zaun bricht. Wenn ich nicht sagen kann, dass ich verletzt bin, wenn ich nicht ehrlich sein darf, ohne mit Konsequenzen in Form von Rückzug oder gar Kontaktabbruch rechnen zu müssen, dann will ich so nicht gemocht werden.

Manchmal habe ich auch einfach schlichtweg aufgegeben, nicht mehr gefragt und nicht mehr geredet. Und unweigerlich sind manche Kontakte im Sande verlaufen, die Nachrichten wurden seltener. Manche wiederum, sind weitergelaufen, als sei nichts gewesen. Das war für mich das Zeichen dafür, dass es nicht um mich als Person geht, sondern um eine bequeme Qualität die ich zu bieten habe. Oft war es die Rolle der guten Zuhörerin.

Ich will nicht so gemocht werden. Auf diese Art.

Ich will nicht gemocht werden für meine Hilfsbereitschaft, für mein Talent die Dinge schon wieder in Ordnung zu bringen, für meinen Rat oder meine Backkünste. Nicht für den knappen freundlichen Austausch, nein.

Ich will gemocht werden, für die Art wie ich dir meine Fürsorge zeige. Ich will gemocht werden, für die Art, wie ich die Dinge sehe. Für meine guten und schlechten Eigenschaften. Ich will gemocht werden, für die Dinge die ich denke.
Einfach für das, was ich bin. Nicht nur für das, was ich zu bieten habe.

Ich glaube viele Freundschaften, die Menschen führen, sind ausgerichtet auf Komfort. Aber nicht auf Verbindung.

Wir wollen alle eine gute Zeit miteinander erleben, gute Gespräche führen und uns verstanden fühlen. Aber wollen wir dafür auch in Kauf nehmen, dass für dieses Ergebnis etwas von uns gefordert ist? Beispielsweise Aufmerksamkeit, bewusste Zeit, Fürsorge. All das eben, dass im Gesamtbild dann das gute Gefühl erst möglich macht. Sind wir auch bereit, durch schwierige Zeiten mit jemandem zu gehen? Sind wir bereit, uns zu ihm nach unten auf den Boden zu setzen und einfach nur die erdrückende Stille auszuhalten? Damit das gute Gefühl zurückkehren kann, obwohl wir nicht wissen, wann?

„Hilf mir gern, hör mir zu, gib mir einen Rat, aber bitte erwarte jetzt nicht sofort etwas zurück! Rechne nicht auf, wir müssen jetzt nicht über Zeug aus der Vergangenheit reden. Und erinnere dich auch an alles, was ich dir jemals erzählt habe. Halte dich aber auch kurz und beachte meine Grenzen.“ Bin ich ChatGPT? Darf ich noch Mensch bleiben?

Für wen geht diese Rechnung dann eigentlich auf? Und ist man bereit, dauerhaft den Aufpreis zu bezahlen? Ist das diese Extrameile, von der immer alle reden?

Avatar von viktoria.boettinger

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