Kannst du Sonnen malen?
Eine Kurzgeschichte, ein Experiment
Er sitzt im Auto. Es regnet.

Dicke Tropfen fallen auf die Windschutzscheibe und jagen einander auf dem Weg nach unten. Sie verbinden sich zu großen Tropfen und schlängeln sich den Weg hinab. Manche bleiben einfach abrupt stehen, bis ein Tropfen mit ihnen kollidiert.
Er beobachtet sie, während ihm heiße Tränen die Wangen runter laufen. Er spürt die Wärme, die sie abgeben auf seinem kalten Gesicht. Als er einstieg, hat es noch nicht geregnet. Er sitzt hier schon seit 2 Stunden. Er hat sich nicht bewegt, seit er eingestiegen ist. Nur die Tränen spürt er. Und den dumpfen, schweren Schmerz in der Brust.
Er sieht auf dem Display, wie sich die Zahlen verändern.
Das Auto ist eingehüllt in den Geruch von frisch geschnittenen Blumen.
Nicht einmal das hat sie noch angenommen.
Und auch nicht seine Entschuldigung.
Vor zwei Wochen lagen beide noch gemeinsam im Wohnzimmer auf dem Sofa, eingehüllt in eine Decke und haben philosophiert, wie wohl ihre Kinder einmal aussehen werden.
Er hat sie angesehen und konnte sein Glück kaum fassen. Es hat ihn eingenommen. Es hat ihn förmlich in eine andere Welt getragen.
Werden sie ihre Augen haben?
Sie zieht sich die Decke über die Nase und schaut ihn verträumten an.
Er strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht.
Hoffentlich werden sie ihre Augen haben!, dachte er.
„Glaubst du sie mögen Pfannkuchen?“, fragte er sie.
„Jeder mag Pfannkuchen, was für eine Frage.
„Ich mag Pancakes mehr.“
„Dann machen wir beides.“
Was wird wohl Ihre Lieblingsfarbe?
Werden sie einander mögen? Bestimmt.
„Jeden Sonntag gibt es dann Pancakes mit Banane zum Frühstück. Ich will, dass das unser Ritual wird.“ – „Deal!“
Zwei Herztöne schlagen gleichzeitig in einem Bauch. Vier unter einer Decke.
Er fühlt nach mit seiner Hand. Es fühlt sich so mollig warm an, dass es schon fast in der Handfläche kitzelt.
Ein ganzes Zuhause unter einer Decke.
Kann man an einem gebrochenen Herzen sterben?
Ein Klopfen an der Fensterscheibe reißt ihn zurück ins leere Jetzt.
„Sie dürfen hier nicht parken, bitte fahren Sie weiter.“ – „Okay.“
Wohin ist weiter?
Er startet den Motor, rollt langsam auf die Straße.
Links oder rechts?
Er wählt rechts.
Er fährt einfach gerade aus weiter, ohne dass er weiß wo er ankommen will.
Doch es ist schon 23:42 Uhr.
Morgen muss er zur Arbeit.
So wie jeden Tag.
Also fährt er in die Wohnung.
„Sollen wir eine Wand blau und eine rosa machen? Das wäre nur fair.“
„Das würde doch total komisch aussehen. Lass uns doch gelb nehmen? Gelb ist neutral.“
„Gelb ist langweilig.“
„Gelb ist sonnig.“
„Sollen wir auch eine Sonne dazu malen? Kannst du Sonnen malen? Aber dann brauchen wir auch Wolken. Glaubst du dann sieht es bewölkt aus, wie schlechtes Wetter?“
„Du bist auch meine kleine Sonne“, sagte er lächelnd, nahm ihr Gesicht in die Hände und küsste sie. Er spürte ihr Lachen auf seinen Lippen und wie sie sich aufgeregt an seinen Armen festhielt, als würde sie sonst das Gleichgewicht verlieren.
„Ich liebe dich“, sagte sie.
„Und ich liebe euch“, sagte er.
Er steht in dem dunklen Zimmer.
Das Schimmern des Mondes fällt durch das Fenster.
Das gedimmte Licht gibt die dicke, orangene Sonne frei, die ihn von der Wand anlächelt.
Kurz hält er inne. Er starrt sie an und lächelt mit schwach angehobenen Mundwinkeln zurück.
Wieder sammeln sich Tränen in seinen Augen.
Er wendet sich ab und geht rüber zum Fenster. Starrt hinaus in den klaren Himmel. Der Mond scheint ihn friedlich an. So wie jede Nacht.
Sind sie da oben?
Fragen an den Leser
Wir wissen, dass er ihr Blumen schenken wollte. Sie wollte weder Blumen noch eine Entschuldigung.
Kannst du Empathie für ihn haben, obwohl du nicht weißt, was passiert ist?
Der Text gibt dir nur grobe Hinweise darauf, wie du die Situation einordnen kannst.
Kannst du seine glücklichen Momente mit seiner Familie trotzdem als das betrachten, was sie waren: glückliche Momente?
Kannst du seine Trauer als Trauer anerkennen, ohne zu wissen, warum er trauert?
Oder brauchst du erst ein Gesamturteil für dich, um die Gefühle eines Menschen gelten zu lassen?

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