Geschwisterliebe
Manchmal höre ich beiläufig Gespräche mit, an die ich noch Jahre später denken muss. Eines davon war bei der Arbeit. Im Pausenraum erzählte eine Kollegin, sie habe den Kontakt zu ihrem jüngeren Bruder abgebrochen, weil er ungewollt mit 19 Vater geworden ist. Davon war ich so perplex, dass mir gleich mehrere Fragen durch den Kopf schossen.„Aber was hat das denn mit DIR zu tun??“
„Und inwiefern soll das helfen? Und was hast du am Ende dann davon? Hä??”
May this sibling love never find me.

Ich wüsste gar nicht, was meine Geschwister tun könnten, um in mir die Entscheidung zu bewegen, dass ich den Kontakt abbrechen will.
Gut, sie sind auch noch ziemlich jung. Aber ich kenne auch durchaus Geschichten, bei denen sich mir die Nackenhaare aufstellen, wegen dem was „Geschwister“ sich gegenseitig alles antun… Aber ich will gar nicht in die Aufzählung von Thriller-Stories verfallen.
Im Normalfall sind Geschwister eben jene Menschen, die dir unverblümt sagen können, dass du in der Hose fett aussiehst, dass das was du gesagt hast keinen Sinn ergibt und trotzdem tut das der Liebe keinen Abbruch.
Sie sind auch die, die dich wohl am besten von allen kennen, weil sie mit dir aufgewachsen sind. Sie sind die, mit denen wir bedeutende Gespräche führen, weil sie genau das sagen, was wir brauchen. Ob es uns nun passt oder nicht.
16 Jahre lang war ich ein Einzelkind, bis meine Brüder auf die Welt kamen. Zwillinge. Das war schon eine Herausforderung für alle, so zwei kleine Babys die jede Nacht gleichzeitig heulen. Und heute denke ich, das beste Gefühl der Welt ist es, dass ich Brüder habe.
Wir reden über die Familie, über Sorgen, sogar meine obwohl ich so viel älter bin. Keiner kann Geheimnisse so sicher verwahren wie meine Geschwister und keiner ist auf so liebevolle Art ehrlich, wenn ich sie etwas frage. Und keiner kann in mir schneller das Gefühl von blinder Sorge oder das „Mit der Hand auf die Stirn Klatschen“ auslösen.

Vielleicht liegt das daran, dass ich da einfach zwei fremde Personen vor die Nase gesetzt bekommen habe und nun über all die Jahre erst mal herausfinden musste, wie sie eigentlich sind. Und ich bin damit nicht fertig. Ich kenne sie noch nicht als Studenten, als Auszubildende, als Ehemänner, Väter. Und ich bin so furchtbar gespannt darauf!
Es gibt keine vergleichbare Beziehung, zu absolut niemandem auf der Welt, als zu meinen Geschwistern. Keine Freundschaft, keine Liebe kommt an das ran, was ein Band zwischen Geschwistern hat.
Und wenn ich mein Gefühl als Schablone über die Aussage lege, dass meine Kollegin den Kontakt zu ihrem Bruder abgebrochen hat, weil er jung Vater geworden ist, denke ich mir… Das wäre eine Herausforderung, ganz besonders für die Eltern. Aber deswegen hat man doch Familie, damit man eben füreinander da ist. Oder nicht?
Wenn morgen die Welt untergeht, will ich nicht damit sterben müssen, dass ich meinen Brüdern nicht der Fels in der Brandung gewesen bin, den ich selbst vielleicht gebraucht hätte. Gerade in dieser Situation, auch wenn sie mir nicht passiert ist. Ich will, dass meine Geschwister immer wissen, dass ich für sie da bin. Dass sie mit ihren Sorgen zu mir kommen können. Dass es für jedes Problem eine Lösung gibt, die wir uns überlegen können. Auch wenn sie vorerst nur provisorisch ist. Ich will, dass sie wissen „Wir sind zu dritt!“
Ich weiß, dass nicht jeder Mensch diese Vorstellung von Familie hat.
Nicht alles, was in einer Familie passiert, ist in Ordnung und kann so einfach verziehen werden. Auch wenn man einander verletzt, genervt ist, manchmal Abstand braucht. Und trotzdem verzeihen wir einander, weil wir wissen, welche Leere ohne diese Person entsteht. Man muss nicht alles verstehen, nicht alles in Ordnung finden und das ist okay.
Wieso machen wir eigentlich so oft den Fehler und reden nicht einfach miteinander? Woher soll deine Schwester wissen, dass sie dich verletzt hat? Wieso findest du, passiv-aggressives Verhalten ist für die Situation angebrachter, als deutliche Worte? Klar, innerhalb der Familie kann so ein Gespräch schon mal emotionaler werden, als unter Freunden. Aber genauso schnell wie es aufkocht, beruhigt es sich doch auch meist wieder. Und selbst wenn nicht: Jeder hat das Recht auf Feedback.
Denkt ihr manchmal auch, dass man die Dinge vielleicht einfach zu persönlich nimmt? Denn was hat diese Meinung denn unbedingt mit mir zu tun? Was hat diese Entscheidung mit mir zu tun? Ich glaube, so im normalen Kontext, in dem es nicht um Schwere geht, entstehen so viele Reibereien. Was geht mich die Unordnung meiner Tante an? Was geht mich die Versessenheit meines Cousins auf Fußball an? Was hat es mit mir zu tun, dass mein Bruder jung Vater wird? Inwiefern ändert sich dadurch jetzt mein Leben?
Diese Sammlung an Menschen, die man sich nicht so ausgesucht hätte, bringt vielleicht genau die Eigenschaften mit, die uns um etwas ergänzt. Der eine hat eine große Klappe und zeigt uns, dass man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen muss. Der andere ist warmherzig und bringt uns bei, was Geborgenheit bedeuten kann. Ein anderer redet nicht gern, weshalb wir ihn wohl eher durch seine Taten kennenlernen. Familie und Geschwister, das ist nichts was selbstverständlich ist.
Wie viele Menschen haben unfreiwillig keinen Kontakt zu Menschen, die sie hätten schützen müssen? Wie viele Menschen müssen gehen, weil sie sonst an dem Kontakt zerbrechen würden. Hinter jeder Geschichte, stehen meinst unzählige vergebene Chancen, Versuche, Konflikte und Gespräche, bis man dann irgendwann aus purer Kraftlosigkeit die Reißleine gezogen hat. Manche Menschen lernen so innerhalb ihrer Familie sich selbst zu schützen, auf unschöne Art.
Auch das ist eine Form von Liebe. Nicht die schönste oder einfachste, aber Liebe. Für sich selbst.
Ist es dann nicht umso kostbarer, wenn wir einfach nur davon genervt sind, dass ein Familienmitglied immer wieder den gleichen, schlechten Witze erzählt? Und wir sie uns an Weihnachten beim gemeinsamen Essen anhören dürfen, obwohl wir ihn auswendig aufsagen können? Wir sind zusammen, alle hier an diesem Tisch, wir lachen gemeinsam, reden miteinander.
Es gibt tausende verschiedene Definitionen von Familie und was Menschen darin sehen. Und alles was ich sagen will, ist: Vielleicht sollten wir uns das nächste Mal fragen „Was hat das jetzt unbedingt mit mir zu tun?“ Und vielleicht, machst du aus dem nervigen Witz einfach ein Trinkspiel?

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