Hör immer auf dein Bauchgefühl!

Wie geht das und wer redet da?

Jeder kennt diesen Ratschlag. „Hör einfach auf deinen Bauch. Deine Intuition weiß, was zu tun ist.“ Und oft ist es auch erstaunlich zuverlässig, dieses Bauchgefühl. Ich war schon manchmal sehr beeindruckt von mir, dass ich Dinge im Voraus wusste, ohne mir bewusst zu sein, woran ich das erkannt habe. Ich habe mich immer gefragt, wie das eigentlich funktioniert. Nicht immer lag ich richtig, manchmal habe ich das Gefühl auch ignoriert und trotzdem die Nachricht abgeschickt, bin trotzdem hingegangen, habe es trotzdem erzählt, nur um dann eines Besseren belehrt zu werden. Ich sagte mir, ich will nicht aus der Angst heraus entscheiden, will nicht voreilig urteilen oder ich wollte es auch manchmal einfach nicht wahrhaben.

Tja, hätte ich mal lieber auf mein Bauchgefühl gehört. Oder auf die Stimme der Vernunft? Oder war es doch die Angst, die mir das einredete?

Wer redet hier überhaupt? Wie kann ich diese drei Stimmen voneinander unterscheiden?

Fangen wir vielleicht erst mal beim Sortieren an.

Während die Angst fragt „Wovor will ich mich schützen?“, kommt der Intuition etwas merkwürdig bekannt vor, was gerade noch nicht greifbar ist. Und die Stimme der Vernunft hat bereits mögliche Risiken abgeschätzt.

Sie können alle drei gleichzeitig recht haben, können sich aber auch alle drei gleichzeitig irren. Es kann auch sein, dass nur einer Recht hat oder niemand.

So, was nun?

Dein Gehirn speichert unzählige Eindrücke, Situationen, Mimik, Gestiken, Gefühle, Worte und Signale ab, jede Sekunde, ohne dass du das bewusst wahrnimmst. Diese Informationen beeinflussen künftige Situationen, da wir sie „wiedererkennen“ und deshalb anders betrachten. Erfahrung sammeln, sozusagen. Wenn du dann also eine „Vorahnung“ hast, hat dein Hirn bereits etwas wiedererkannt und die Information für dich wiedergegeben, ohne dass du sie schon zuordnen kannst.

Und genau da setzen wir an: Die Aufgabe besteht nicht darin, herauszufinden, welche Stimme recht hat, sondern darin, die Situation richtig einzuordnen.

Wenn du bemerkst, dass die Nachricht deiner Freundin anders klingt als sonst, hast du eine Veränderung wahrgenommen. Das ist dein Eindruck.

Die Angst sagt: „Sie ist sauer auf mich!“
Sie könnte sauer sein, könnte aber auch einen schlechten Tag haben oder in Eile sein. Das weißt du nicht. Wenn du davon ausgehst, dass sie sauer ist, ist das deine Interpretation.

Die Vernunft sagt: „Dann lass ich sie jetzt lieber in Ruhe, bevor es Streit gibt!“
In solchen Situationen der Vergangenheit hast du vielleicht gelernt: Zieh dich lieber zurück. Das ist ein Fluchtinstinkt, der dir eine Handlungsempfehlung gibt.

Wir haben hier nun eine ganze Reihe an Gedanken, die aber keine Fakten sind. Ob deine Freundin wirklich sauer ist oder nicht, wissen wir nicht sicher. Und wir haben ein Werkzeug, mit dem wir an dieses Wissen heran kommen können: Nachfragen.

Du hast es wahrgenommen, das ist für dich Fakt. Warum es so ist, ob es wegen dir ist, weißt du nicht. Also frag nach. Dann könntest du es herausfinden.

Du musst nicht fragen „Bist du sauer auf mich“, du kannst fragen „Ist alles in Ordnung? Du wirkst auf mich etwas gestresst/bedrückt/traurig.“

Bitte mach hier nicht den Fehler und entscheide für deine Freundin, ob sie sauer auf dich ist oder nicht. Denn das würde bedeuten, du reagierst nicht auf Tatsachen, die du überprüft hast, sondern auf deine eigene Interpretation.

Mache immer wieder einen Fakten-Check.
Gehe nicht einfach davon aus, dass du alles richtig bewertest.
Es kann sein, dass deine Freundin wirklich anders schreibt als sonst, es kann auch sein, dass sie sauer ist. Aber nicht auf dich. Vielleicht aber auch doch, wir können es bis hierher noch nicht wissen.

Was ist aber, wenn ich nicht einfach nachfragen kann und trotzdem kein gutes Gefühl habe?

Dann: Höre dir zu.
Warum denkst du das? Woher kommt das Gefühl? Was sind deine Bedenken? Woher rühren sie?
Du musst es ja nicht überstürzen und voreilige Schlüsse ziehen, aber du darfst selbstverständlich einfach nur einen Gang runter schalten und abwarten. Ordne die Situation für dich ein und konzentriere dich dann auf das, was geschieht. Nicht ausschließlich auf das, was du denkst.

Vielleicht ist Intuition ja gar kein Bauchgefühl, sondern einfach Du.

Deine Erfahrungen, deine Werte, deine Haltung und all das, was du über dich selbst gelernt hast, beeinflussen, wie du eine Situation wahrnimmst. Je besser du dich selbst kennst, desto eher kannst du erkennen, was du in eine Situation mitbringst. Auch deine Unsicherheiten, deine Ängste und deine Erwartungen.

Vielleicht müssen wir ja auch gar nicht immer richtig liegen. Vielleicht dürfen wir uns einfach zutrauen, dass wir schon herausfinden werden, was das alles für uns zu bedeuten hat. Oder wir dürfen uns zutrauen, dass wir es schaffen werden, mit der Situation umzugehen.

Wenn du das nächste Mal deinem Bauch vertraust, vertraue auch dir selbst. Du musst nicht sofort wissen, ob du richtigliegst. Du darfst dir zutrauen, es herauszufinden.

Vielleicht sollten wir uns nicht mehr den Rat geben, auf unser Bauchgefühl zu vertrauen, sondern auf uns selbst.

Vertraue dir!

Avatar von viktoria.boettinger

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