Hätte, hätte, Fahrradkette

Nicht jede Erfahrung im Leben, die wir machen, kommt unter die Top 100. Nicht alles, was wir mal gemacht haben, war klug, sinnvoll oder das Beste für uns. Im Nachhinein wissen wir das. Unzufriedenheit ist oder war dann wohl das schlüssige Resultat davon. Und das ist in Ordnung.
Sie soll uns sagen „Das war jetzt Mist. Nächstes Mal musst du das anders machen.“
Und das ist auch alles, was uns Unzufriedenheit sagen will.
Unzufriedenheit ist ein Signal. Aber keine Lebensphilosophie. Und auch kein Erfolgsrezept.

„Hätte ich doch nur einen Partner, mir würde es so viel besser gehen. Ich fühle mich so oft einsam.“
„Hätte ich doch nur das Studium damals gemacht, dann hätte ich heute einen besseren Job. Was soll ich jetzt nun mit der Berufserfahrung anfangen?“
„Hätte ich doch einfach Schluss gemacht. Ich habe so viel Zeit verschwendet!“
„Hättest du doch damals das Haus nicht gekauft. Ich war so dumm und naiv!“
„Wäre ich doch damals nur weggezogen, aber ich war zu feige.“
„Hätte ich doch nur nicht die Schokolade gegessen, ich bin so verfressen!“

Hätte, hätte, halt die Fresse.

Dein altes Ich braucht deine Expertenmeinung nicht und auch nicht deine abfälligen Kommentare.

Wie wäre wohl das Leben, wenn wir aufhören würden unserem alten Ich diese ganzen neunmalklugen Ratschläge zu erteilen und stattdessen zuhören würden?
Wieso hast du dich damals gegen das Studium entschieden, wieso hast du dies, wieso hast du das?
Damals wird es Gründe gegeben haben. Und scheinbar waren sie wichtig. Für deine damalige Version war es das Beste. Nur weil es für deine heutige nicht mehr passt, heißt es nicht, dass es falsch war. Aber was bringt die Erkenntnis, was bringen die Erfahrungen, die Tränen und die investierte Zeit, wenn du sie nicht recycelst?

Außerdem: Bist du Staatsanwalt?

Spinnen wir den Gedanken mal ganz übertrieben auf die Spitze:
Stell dir vor, noch heute würdest du deinen Hinterm vom Sofa reißen.
Deine Augen würden zurückrollen in die Ausgangsposition und deine Augenbrauen würden sich endlich vom Haaransatz ablösen.
Dann hättest du ja volle Sicht und wärst startklar oder?
Dann könntest du ja was Neues ausprobieren oder?

Ob das gut ist und ob es klappt, das wird sich zeigen. Aber bestimmt nicht nur in einer Meditation zum Manifestieren. Wie auch? Sollen dir Ideen kommen, während du deinen Hintern auf einem Yogakissen platzierst und einfach mit geschlossenen Augen an dich denkst, wie du bereits reich bist und in deiner Yacht sitzt?

Ich glaube, das mit der Manifestation wird teilweise sehr falsch ausgelegt.
Es ist richtig, an sich zu glauben. Es ist richtig, groß zu denken. Es ist auch richtig, Gedanken auszuprobieren und herauszufinden, ob verschiedene Versionen zu uns passen oder nicht.

Aber wir müssen sie auch im echten Leben ausprobieren. Es ist nicht richtig, nur davon zu träumen.
Du wirst nicht durch Manifestieren schlanker, reicher, schöner, glücklicher.
Und das liegt einfach daran, weil du gar nicht weißt, wie du dort hinkommen kannst. Denn das ist der Teil, der in dieser Meditation ausbleibt, das Wie.

Du willst in Thailand leben? Schön! Weißt du auch, ob du diese Temperaturen körperlich aushalten würdest?
Du willst ein Künstler am Meer sein? Kannst du mit ungleichmäßigem Gehalt umgehen? Wie bezahlst du die Miete für ein Haus am Strand?
Du willst schlank und sportlich aussehen? Bist du bereit dafür 4x die Woche Sport zu machen und die Sache mit der Nutella sein zu lassen?

Diese Fragen sind kein Zeichen für eine pessimistische Lebenseinstellung. Sondern realistisch.

Aber das bedeutet ja nicht, dass deine Gedanken hier enden müssen.
Finde die Antworten. Hör dir deine Zweifel und Ängste an, finde eine Lösung. Und lebe dein bestes Leben.

Träume können ein Anfang sein, sie müssen nicht schon das Ende sein.

“If you have an idea that you genuinely think is good, don’t let some idiot talk you out of it.”

Das hat Stan Lee gesagt, als er erzählte, dass sein Entwurf für Spiderman erstmals verspottet wurde. Und wir wissen ja, in wie vielen unserer Herzen Spiderman gerade ein Sandwich in Delmar’s bestellt.

Wenn du etwas hast, woran du glaubst, dass dieses kleine Etwas in dir bewirkt. Dieses kleine Feuer, dieses stachelige Gefühl von „Da muss mehr sein.“, mach es.

Das bedeutet nicht, dass es auf Anhieb klappt oder überhaupt.
Aber du hast es probiert. Das ist ein Moment der Selbstwirksamkeit. Und genau diese Momente musst du sammeln, um mutig zu werden. Und manchmal kommt Mut auch nicht am Anfang, sondern ist das Ergebnis.

Ich bin öfter an Dingen gescheitert, als andere überhaupt mal etwas ausprobiert haben.
Dafür wurde ich auch oft kritisiert.
Mir wurde auch oft ausführlich bis ins Detail erklärt, was und wie ich Dinge hätte besser machen sollen.

Vielleicht hätte ich damals auf meine Mutter hören sollen, als sie gesagt hat, ich soll das mit dem Tattoo am Finger lassen.
Dann könnte ich jetzt nicht erzählen, dass das Tattoo mich damals 80 € gekostet hat. Genauso viel wie eine Laser-Sitzung. Ich bin jetzt bei Sitzung 4.

Na und?

Avatar von viktoria.boettinger

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