Versionen von Dir

Wir alle tragen alte Leben, alte Versionen in uns. Wir sind einmal Kinder gewesen, Jugendliche und Heranwachsende. Wir wollten mal Sänger werden, Schauspieler, dann vielleicht Astronauten oder Ärzte. Wir wollten berühmt werden, wir wollten vielleicht auch einfach nur Magier werden. Wir haben auf den Hogwartsbrief gewartet (er kam nie), dann auf den Traumprinz (der kam aber). Wir waren voller Ideen, Träume, Hoffnungen, Lebendigkeit.

Kennt ihr diese Momente, in denen euch ein Geruch in die Nase steigt, den ihr aus irgendeiner Zeit kennt? Und plötzlich seid ihr wieder an diesem Ort. Ihr seid wieder 14 und lest am Strand ein Buch, im Familienurlaub, in der Nase der unverkennbare Geruch der Sonnencreme.
Oder ihr hört eurer Hochzeitslied und in Gedanken lauft ihr nochmal den Altar entlang. Spürt nochmal das Herz klopfen, das Lied den Moment untermalen.
Vielleicht aber seid ihr nochmal 24 und feiert eine wilde Partynacht zu dem Beat, der gerade im Auto auf dem Weg zur Arbeit läuft?
Was es auch ist, wir halten kurz inne und schwelgen in der Zeit. Dabei kann man manchmal auch ein bisschen melancholisch werden. Denn die Erinnerung, obwohl sie gerade noch so greifbar war, gehört nicht in unsere Zeit. Sie gehört nicht zu der Person, die wir heute sind. Aber sie gehört doch uns.

Woher kommt diese Wehmut, wenn man zurückblickt eigentlich?

Manchmal bin ich richtig traurig darüber, dass ich nie meine Hochzeit nochmal erleben kann.
Ich werde nie mehr den Tag nach der Hochzeit erleben, an dem ich mich so stark zusammenreißen musste, um nicht Passanten auf der Straße zu sagen „Weißt du was?? Ich hab geheiratet!“
Ich werde nie mehr meine Flitterwochen mit diesem Zauber in der Luft wiederholen können, egal wohin ich reise.

Ich werde nie mehr diese junge Frau in Miami sein, die überwältigt war von der Größe dieser Stadt.
Ich werde nie mehr den Schulabschluss machen. Nie mehr wird meine größte Sorge der Vokabeltest sein.

Gleichzeitig bin ich neugierig darauf, was alles noch auf mich zu kommt. Wen ich kennenlernen werde, wo ich sein werde, was ich machen werde und wie ich aussehen werde.

Und so sind da all diese Versionen von mir, die mir sagen, worüber ich schreiben soll.
Versionen, die geliebt, gelitten, gelernt, gelebt, genossen und gefühlt haben. Sie sind alle noch da, sie sind nicht weg. Nur eben nicht mehr da draußen, sondern nur noch in meinem Herzen.
Sie alle hatten etwas, für das ich heute dankbar bin. Und ich habe etwas, worauf sie gehofft haben: Das Wissen, wie es ausging. Wie es weiter ging.

Nur eines haben wir alle gemeinsam: Wir wissen nicht, was noch kommen wird.
Aber jede dieser Versionen hat mir ein Werkzeug mitgegeben. Jede hat eine Lektion gelernt. Jede hat das Beste aus allem gemacht.
Vielleicht ist das ja auch alles, was wir tun können. Wir können all diese Versionen sein, sie erleben, so wie sie ist, eine neue Version werden und dabei nicht wissen, welche.

Alles was ein erstes Mal war, wird ein letztes Mal werden.
Alles was mal Hoffnung war, kann Realität werden. Ohne, dass wir es merken.
Wir erreichen Dinge, die für uns mal unvorstellbar waren. Und wenn sie dann da sind, stehen wir vielleicht einfach nur gerade in der Küche und denken beim Gemüseschnibbeln darüber nach.
Und darin liegt vielleicht ja auch der Zauber: Es ist auf eine ganz leise, natürliche Art passiert. Ohne großes emotionales Finale, ohne Ankündigung, ohne Lärm.

Ich wünsche mir, dass alle diese Versionen eines gemeinsam haben:
Gelebt zu haben. Lebendige Geschichten erzählen zu können, Feuer in den Augen und unaufhörliche Neugierde. Und eine Stimme, die widerhallt.

    Avatar von viktoria.boettinger

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