Galgenhumor ist trotzdem Humor
In meiner Gegend wohnt Jürgen. Er ist heute 80 Jahre alt geworden und fällt besonders durch seinen Humor und seine Direktheit auf. Wenn er mich manchmal anruft und eine Frage hat, die ich ihm beantwortet habe, sagt er „Tschüß“ und legt auf, während ich mich noch verabschiede. Er macht das nicht aus Schroffheit, sondern weil er weiß dass ich am anderen Ende darüber lache.
Seit ich ihn kenne, ist er eigentlich ständig irgendwohin unterwegs. Er fährt nicht nur mit seinem Auto durch die Gegend, sondern fliegt auch nach Irland, Marokko, Usbekistan oder wohin auch immer es ihn gerade verschlägt. Sich selbst zum Geburtstag hat er eine Reise nach Malta geschenkt. Aus jedem Urlaubsland bringt er sich ein kleines Gläschen Sand mit.
Jürgen hat eigentlich immer einen Witz auf Lager und einen Spruch auf den Lippen. „Galgenhumor“, sagte er dazu. „Trotzdem Humor“, sagte ich.
Wenn ich darüber nachdenke, kann ich auch keinen Tag nennen, an dem ich ihn mal schlecht gelaunt erlebt habe.
So ist er.
Ich weiß, dass er durchaus Schicksalsschläge erlebt hat. Er ist Witwer, hat erst letztes Jahr einen Schlaganfall erlitten. Er hatte gesundheitlich zu kämpfen.
An seinem Humor hat sich deshalb nichts geändert. Er läuft vielleicht einen Schritt langsamer, trotzdem lacht er dabei. Das hat mich am meisten von allem beeindruckt. Ich habe mich gefragt, wie er das hinbekommt. Und dachte… frag doch einfach mal nach.
Ich lud ihn also zu uns zum Abendessen ein, sagte ihm ich würde gern über ihn schreiben. Weil er trotz seines Alters jemand ist, der sich eine so lebensbejahende und positive Lebenseinstellung beibehalten hat. Und gerade weil ich weiß, welche Schicksalsschläge er erlitt, finde ich das umso beeindruckender.
Er beginnt seine Geschichte an seinem 41. Hochzeitstag. Seine Frau und er machten eine Rundreise durch Italien. Sie liebten beide das Reisen, das Entdecken neuer Orte. Das Reisen war für sie mehr als nur ein gemeinsames Hobby, sondern auch ein gemeinsames Freisein. Sie waren unerschrocken und gingen, wohin sie gerade Lust hatten. Dadurch waren sie vielleicht nicht ganz so integriert in Freundesgruppen, aber sie hatten sich. Und das war genug.
Einen Tag nach dem Hochzeitstag erlitt seine Frau einen Schlaganfall und verstarb einige Tage darauf im Krankenhaus in Italien. Für die Familie war das ein Schock. Jürgen half es, dass seine Frau durch die Organspende vier Menschen das Leben rettete. Der Arzt kam aus Pisa, er sagte zu Jürgen, dass in Italien die Organspende sehr selten vorkomme. Der Arzt weinte dabei.
Mit seiner Trauer ging Jürgen offen um, er erzähle den Menschen um sich herum, was passierte. Natürlich konnte nicht jeder damit umgehen, aber das nahm er ihnen nicht krumm. Er konzentrierte sich auf diejenigen, die ihn zum Essen einluden, die ihn anriefen und ablenkten. Er wollte nicht zu viel Unterstützung bekommen, weil er weitermachen wollte.
Ich fragte ihn, was er Menschen raten würde, die sich nicht trauen.
Er erzählte mir, dass eine seiner Töchter genauso abenteuerlustig ist wie er. Er lächelte, als er das sagte. Er sah stolz aus. Er erzählte, dass sie sich kürzlich im Urlaub nicht getraut hatte Paragliding auszuprobieren. Sie haderte mit sich, tat es dann doch. Seine Antwort ist also, wenn du dich nicht traust, mach es trotzdem. Warte nicht auf morgen, nicht auf irgendwann. Mach!
Insgesamt hat Jürgen ein neugieriges Naturell. Er fragt nach, er geht hin, fährt einfach los und lässt es auf sich zukommen. So war es auch, als er seinen Schlaganfall erlitt. Er erzählt nicht, dass er eine schwere Zeit im Krankenhaus hatte, er erzählt dass er in dieser Zeit dort Menschen kennen gelernt hat. Und erzählt, worüber sie gesprochen haben.
„Negative Dinge sollte man nicht so lange in sich hineinfressen, dann lässt sich das Leben viel leichter positiv sehen.“, sagte er. Das gelingt durch miteinander reden. Aussprechen, was nicht passt. Kritikfähig bleiben, offen für Anregungen nennt er es. Das ist eine erfrischende Definition. Eine leichte.
Er macht auch keinen Hehl um die Dinge, er spricht sie einfach aus. Auch Kleinigkeiten. Warum auch nicht, denke ich mir.
In Jürgens Haus hängen Bilder mit Geschichten an den Wänden. Selbstgemalte Bilder, Urlaubsfotos, kleine Besonderheiten. All diese Erinnerungen machen ihn dankbar.
Vielleicht hat er auch einfach keinen Platz in seinen Gedanken, über die Dinge nachzudenken, die schlecht sind. Weil so viel Raum bereits an Erinnerungen, Orte, Menschen, Gespräche und Ideen vergeben ist.
Seine Zeit vertreibt er sich zuhause nicht dadurch, dass er fernsieht. Serien guckt er erst recht nicht. „Das ist zu viel Verpflichtung, jedes Mal weiter gucken zu müssen.“
Ich muss schmunzeln. Nicht einmal von der Fernbedienung lässt er sich was sagen.
Ich dachte, er ist ein so positiver Mensch, weil er Humor hat, weil er abenteuerlustig, direkt und ehrlich ist. Jetzt denke ich eher, dass er all das ist, weil er frei ist. Er lässt weder Schicksal, noch Zufall für ihn entscheiden. Er nimmt das Leben selbst in die Hand und das seit 80 Jahren.
Und an dieser Stelle, wünsche ich Dir alles Liebe und Gute zum Geburtstag, lieber Jürgen!

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