Nicht alle Männer, aber trotzdem Männer.

– TRIGGERWARNUNG –
Es geht um sexualisierte Gewalt an Frauen und Kindern!

Während meiner Arbeit am Gericht habe ich verschiedene Geschichten auf Anklagebänken gehört. Schwere Kindheiten, Krankheiten, Schicksale, Sucht, Gewalt.

Das alles waren Erklärungen für Straftaten.

Er war betrunken, er hat es nicht gewusst, er hat es falsch verstanden, er hat sich aufgeregt, er hatte eine Traumareaktion, er kam nicht mit seiner Vergangenheit klar, er hat dies, er hat das.

Alles hat er, nur nicht nachgedacht. Weil es ihm auch egal war.

Eine Geschichte, die mir bis heute in den Knochen sitzt, handelt von einer jungen Mutter und ihrem psychisch kranken Ex-Mann. Er hat ihr das Leben zur Hölle gemacht, indem er ihr jeden einzelnen Tag aufgelauert ist. Ich habe sie im Gericht erlebt, sie war keine schwache Persönlichkeit. Sie hat ihn angeschrien, ihm gezeigt, dass sie keine Angst hat. Aber er hat sie nicht ernst genommen.

Es ging so weit, dass sie umgezogen ist, ihre Eltern sind mit ihr gegangen. Es hat nichts gebracht, er hat sie gefunden. Er hat ihr vor der Haft aufgelauert, kam raus und hat weiter gemacht.

Das war nicht das einzige Mal.

Ich habe Frauen weinen und erzählen hören, wie sie von vermeintlichen Freunden, Verwandten, Partnern vergewaltigt, geschlagen, gedemütigt und am Ende als hysterische Psychopathin abgestempelt wurden.

Ein Mann hat seiner eigenen Schwester ein Loch in den Kopf geschlagen, mit einer Eisenstange. Er war betrunken und hat mit ihrem Mann gestritten. „Ich bin seine Schwester, warum hat er das getan?“ sagte sie, als sie ihren Kopf hinter ihren Händen versteckt hatte, kurz bevor sie in bitteren Tränen ausgebrochen ist. Am Ende des Prozesses sagte er seine einstudierte Entschuldigung auf, weil jedem Angeklagten das letzte Wort zusteht. Und nur deswegen sagte er es.

Ein anderer hat seine Frau getötet, weil sie ihn verlassen wollte. Sie waren getrennt, ihr ging es gut, sie blühte auf. Wenn er nicht glücklich war, durfte sie es auch nicht sein. Er stritt es während des Prozesses ab, suchte einen Schuldigen in ihrem Vater, ihrem Freund, ihrem Nachbarn. „Papa, gib es doch einfach zu.“, sagte der 10-Jährige Halbwaise. Dann gestand er.

„Ich dachte, sie stellt sich so an, weil sie halt von mir erobert werden will.“, sagte er, um zu erklären wie es zur Vergewaltigung kam.

„Sie wollten den Sex, sie wollen es nur nicht zugeben. Weil sie sich schämen, sitzen wir hier vor Gericht.“, sagte ein Anwalt zum Opfer. Sein Mandant wurde verurteilt.

Eine Mutter war vor Gericht, weil ihre 4-Jährige von einem Freund der Familie angefasst wurde. Der Angeklagte brach in Tränen aus und schämte sich. Das war das einzige Mal, dass ich Reue gesehen habe.

„Haftstrafe, wegen ein paar Bildern von nackten Kindern, halten Sie das für gerecht? Ich nicht.“, sagte ein Anwalt zu mir, kurz vor der Verhandlung. Ein Nachhilfelehrer brachte zwei Grundschulkinder dazu sich nackt auszuziehen, er hat sie fotografiert.

Das sind nur ein paar dunkle Einblicke in Situationen, die nicht immer durchsichtig sind, nicht immer klar nachvollzogen werden kann, was genau passiert ist. Selten sind Täter fremde Menschen.

Aber weder Ehe, Freundschaft, eine sexuelle Spannung oder Lust ist eine Erlaubnis.

Sprüche wie „Schick mir ein Bikinifoto aus dem Urlaub“, „Blondie, du musst noch viel lernen“ oder „Da weiß ich aber nicht, ob ich mich noch benehmen kann.“ sind nicht „frech“ oder „flirty“, sie sind ekelhaft.

Aber auch in lockereren Kontexten gab es durchaus Situationen. Zum Beispiel als zwei Männer sich in meinem Beisein darüber unterhalten haben, wie lustig es sei, wenn ich mal eine Fehlgeburt erleiden würde, mit „so einer richtigen Ausschabung“. Sie waren verstummt, als ich fragte, ob sie eigentlich dumm sind.

Nicht alle Männer sind so.

Ja, Gott sei Dank.

Aber zu wenig Männer gucken hin, wenn es unter Männern passiert.

Wo ist eure Wut? Wo ist eure Fassungslosigkeit? Wo ist eure Ehrlichkeit, wo ist euer „Schutz“, von dem ihr ja immer sagt, wir Frauen brauchen ihn. Wo ist euer Ekel?

Wo seid ihr, wenn wir euch wirklich brauchen?

Auf der Täterseite.

Nicht alle Männer, aber trotzdem Männer – immer Männer – viele Männer – jedes Mal Männer!

Halt die Fresse mit deiner Gleichberechtigung, darum geht es schon lange nicht mehr.

Halt die Fresse mit deinem „aber Frauen“.

Halt die Fresse, mit deinem „sie übertreibt halt“.

Halt die Fresse mit deinem „selbst Schuld“.

Halt die Fresse mit deinem „Männer sind halt so.“

Ich habe Kinder gesehen, die von ihren Stiefvätern vergewaltigt wurden.

War das Kind auch zu leicht bekleidet?

Eure schlimme Vergangenheit ist weder Erlaubnis noch Entschuldigung dafür, Täter zu werden. Eure Vergangenheit ist nicht das Problem.

Es ist euer Denken, dass ihr dürft.

Wenn du mich beschützen willst – als Mann – frag dich erst, vor wem eigentlich.

Vor deinesgleichen. Sei dir dessen bewusst.

Ich bräuchte keinen Schutz, keinen starken Mann mit Muskelkraft, wenn ihr euch gegenseitig erklären würdet, dass euer Benehmen ein Problem ist.

Wenn ihr in euren ekelhaften Gruppenchats die Reißleine ziehen würdet.

Wenn ihr euch gegenseitig genauso scharf für Fehler verurteilen würdet, wie ihr uns für angebliche Fehler wie Röcke und Kleider verurteilt.

Wenn ihr voreinander die Klappe genauso weit aufreißen würdet, wie ihr es vor einer Frau könnt.

Wenn ihr aufhören würdet, über respektlose Kommentare und anzügliche Sprüche zu lachen.

Wenn ihr miteinander über Fehler reden würdet, euch gegenseitig kritisieren würdet.

Wenn ihr euch kritisieren lassen würdet, wenn ihr was lernen würdet.

Wenn ihr uns ernst nehmen würdet. Und wenn ihr euch gegenseitig ernst nehmen würdet.

Wenn ihr uns wirklich schützen würdet, würdet ihr euch nicht gegenseitig schützen.

Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ – 116 016
Suche nach Frauenhäusern und Beratungsstellen – Frauenhauskoordinierung
Onlineberatung für Kriminalitätsopfer | WEISSER RING e. V.

Avatar von viktoria.boettinger

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