Was denken bloß die anderen?

Laut einer Studie von Tseng & Poppenk (2020), Nature Communications hat ein Mensch im Durchschnitt ca. 6.200 Gedanken pro Tag. Bei 16 Wachstunden sind das ca. 6,5 Gedankenwechsel pro Minute.

Davon sind laut einer Studie, die auf PubMedCentrals veröffentlicht wurde, 34,5 % sogenanntes Mind-Wandering, also Gedanken, die sich vom aktuellen Geschehen ablösen. Das wären dann als Zahl 2.140 abschweifende Gedanken. Davon wiederum, bemerken wir 40 % nicht einmal bewusst.

855 Gedanken, die wir nicht einmal bewusst bemerkt haben. Das ist schon echt eine ganze Menge.

In unserem Mikrokosmos sind wir oft überzeugt davon, dass andere Menschen uns das selbe Maß an Aufmerksamkeit schenken, wie wir selbst es auch tun. Wir denken, jedem den wir heute sehen, fällt mit 100 %-iger Sicherheit auf, dass unsere Haare nicht liegen, dass das T-Shirt zerknittert ist oder die Schuhe nicht zum Oberteil passen. Wir denken also, dass Menschen unser Verhalten, Aussehen und besonders natürlich unsere Fehler wahrnehmen und sich daran erinnern. Das nennt sich Spotlight Effekt. Auch er wurde in einer Studie untersucht. Auch dazu habe ich Zahlen gefunden:

Probanden trugen in einem Raum mit anderen Leuten für eine geraume Zeit ein auffälliges T-Shirt. Sie gingen dann davon aus, dass ca. 48 % der Menschen sich an dieses T-Shirt erinnern werden. Tatsächlich waren es nur 23 %. 4 Studien lieferten hierbei nahezu dieselben Ergebnisse.

Was bedeutet das jetzt für uns?

Angenommen, du fährst mit dem Auto zur Arbeit, hast dort mit ca. 20 Kollegen zu tun, die sich unmittelbar um deinen Arbeitsplatz herum bewegen. Nach der Arbeit gehst du noch kurz einkaufen, fährst dann nach Hause. Dann hast du als grobe Kennzahl heute ca. 100 Menschen getroffen, wenn du nicht gerade in einer Großstadt lebst.

An diesem Tag hast du es eilig gehabt, deine Haare gefallen dir nicht und in der Eile hast du dir Kaffee auf dein T-Shirt geschüttet.
Du selbst beobachtest dich jede Sekunde im Detail, du bist mit dir selbst beschäftigt. Du weißt von deinen Haaren und deinem Fleck. Von den 100 Menschen, die du triffst, bist du vielleicht überzeugt davon, dass alle 100 diese „Mängel“ ebenso bemerken und 50 davon sich auch noch an deine Haare oder dein Shirt erinnern können.

Aber diese Menschen sind nicht im Supermarkt oder bei der Arbeit, um an einer Statistik teilzunehmen, sondern um zu arbeiten oder einzukaufen. Sie haben kein besonderes Augenmerkmal auf dich gerichtet. Weißt du, wie lange Menschen so in der Regel ihren Blick beiläufig auf andere richten? Ungefähr 3 Sekunden.

Eine weitere Studie zeigt übrigens auch, dass Menschen sich im ersten Blick auf das Gesicht konzentrieren, am häufigsten sogar auf die Augen.
Und du stehst da im Supermarkt und denkst wirklich, dass die Frau mit dem weinenden Kind im Wagen den restlichen Tag an dich denkt?

Während du also denkst, andere Menschen werden dich, genauso wie du es tust, auf deine Frisur oder deinen Fleck reduzieren, wollen sie im ersten Kontakt eigentlich erst einmal sehen, ob du ihnen bekannt vorkommst. Und wenn du es nicht tust, schweifen vielleicht auch hier die Gedanken ab. Oder aber du bist der, zu dem die Gedanken abschweifen in Form von „Kenne ich nicht“ und dann widmet die Person sich wieder den passierten Tomaten.

Und mal eine kurze Zwischenfrage: Hat der andere auch ein Fleck auf dem T-Shirt? Hast du mal nachgeguckt? Bestimmt nicht oder?

Weißt du warum nicht? Weil es wohl so ziemlich das langweiligste überhaupt ist, in einer Welt, in der wir in schöne Augen, lächelnde Gesichter oder auf speckige Babywangen sehen können, nach Kaffeeflecken zu suchen. Mit Verlaub, wer das macht, braucht eventuell an einer anderen Stelle Unterstützung.

Jetzt stell dir noch zusätzlich vor, der andere hat das gleiche Problem wie du. Dann treffen sich zwei im Supermarkt, die Angst haben, dass der jeweils andere seinen Fleck bemerkt.

Das ist so ein absurdes Bild – ich bin froh, dass wir beide das gerade bis zum Schluss einmal durch gedacht haben.

Das ist nämlich genau das, was wir oft nicht machen: Einen Gedanken bis zu seinem absurden Ende zu verfolgen, um zu merken wie abwegig das ist.

Wenn du das liest und dich angesprochen fühlst, bitte sei dir einer Sache gewiss:

Du hast mit 100 % großer Sicherheit so viel mehr zu bieten, als nur deine vermeintlichen. Ich wette, du hast eine schöne Augenfarbe, du hast ein ansteckendes Lachen oder vielleicht auch einfach nur ein nettes Erscheinungsbild.

Du hast in deinem Leben schon Komplimente bekommen, du hast dich bereits selbstbewusst gefühlt. Nicht jede Sekunde, aber es gab sicherlich die ein oder andere Erfahrung.

Warum wertest du dich selbst ab, wegen solcher banaler Dinge, die andere im Zweifel nicht einmal bemerken?

Und außerdem: Weißt du eigentlich, wie sympathisch du dich machst, mit deinem Fleck auf dem Shirt? Dein Tag hat Spuren hinterlassen, vielleicht warst du schusselig. Das passiert jedem. Und je weniger du versuchst so zu tun, als seist du die große Ausnahme, die niemals Fehler macht, desto näher bist du dem Rest der Welt. Du bist quasi mit deinem Fleck zusammen, in einer Gemeinschaft von Menschen, die das schon erlebt hat. Diese Gemeinschaft besteht aus 8,32 Milliarden Menschen. Erzähl uns doch keinen Quatsch, wir wissen dass du auch Fehler machst. So wie wir alle. Weißt du woher? Wir sind alles nur Menschen. Vielleicht schauen wir uns ja deshalb alle erstmal ins Gesicht, um sicher zu gehen. Man weiß ja nie, wann man auf einen Alien trifft.

Avatar von viktoria.boettinger

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