Je ne regrette rien – Ich bereue nichts

Dieses Foto habe ich gemacht, als ich vergangenen Herbst in Wien war. Ich saß mit meinem Mann an einem Samstagabend im Café, wir haben Sachertorte gegessen und Latte Macchiato getrunken. Es war einfach nur gemütlich. Und köstlich.

Natürlich hatte dieser Spaß sehr viele Kalorien, aber bereut habe ich keinen Bissen. Ich habe es genossen.

Woher kommt eigentlich dieser berühmte Satz „Ich bereue nichts“ auf die Frage hin, ob man in seinem Leben manche Dinge hätte anders machen wollen? Denn ich denke, so richtig wahr ist er nicht. Natürlich bereuen wir. Jede Menge sogar. Und dennoch – bereuen wir nichts.

Am Ende zählt, was wir daraus machen. Entweder wir bedauern oder wir lernen. Oder beides gleichzeitig. Hauptsache, wir haben durch diese Erfahrung etwas für uns mitgenommen, das wir entweder anders oder besser machen. Solange wir sie als mehr als „negativ“ betrachten, kann sie uns nützen. Am Ende wird alles gut werden, und wenn nicht, ist es wohl noch nicht das Ende. Dann hast du es wohl noch nicht gelöst.

Reue soll etwas in Bewegung setzen. Im Idealfall deinen Hintern.

Die Reue kann uns ein Signal sein, dass etwas echt blöd gelaufen ist. Entgegen unserer Werte, in die falsche Richtung, gar nicht so wie geplant, zu schnell oder zu spät. Es ist blöd gelaufen, obwohl es uns eigentlich wichtig war. Vielleicht wird uns erst in dem Moment bewusst, wie wichtig sogar. Und diese Blindheit wird uns nun bewusst. Ist das deswegen schlecht?

Ja.

Aber du weißt es jetzt.

Und diese Klarheit kann dir keiner nehmen.

Natürlich gibt es auch die durchaus menschliche Reaktion, eine Situation im ersten Impuls zu beschönigen, zu relativieren oder einen Schuldigen zu suchen. Das kann vielleicht kurzfristig helfen, von seinen Emotionen nicht völlig überwältigt zu werden, aber über die Zeit bringt uns das nichts. Außer vielleicht noch mehr Reue?

Genauso wenig hilfreich sind übrigens die kuschelig warmen Phrasen

„Dann war es eben nicht für dich bestimmt.“

„Alles kommt so, wie es kommen muss.“

„Sei dankbar, vielleicht wurdest du vor etwas bewahrt.“ und so weiter.

Sie geben der Sache vielleicht einen höheren (ausgedachten) Sinn, schieben aber auch die Verantwortung von uns weg.

Klar ist die Vorstellung toll, dass meine 15 Minuten Verspätung mich vor einem schrecklichen Unfall beschützt haben, in den ich sonst geraten wäre. Aber mein erster Eindruck beim Vorstellungsgespräch, zu dem ich unterwegs war, ist trotzdem futsch. Genauso wie auch die Stelle, auf die ich mich beworben habe. Auch ist nicht das langsame Auto vor mir verantwortlich für meine Verspätung. Sondern ich. Es ist vielleicht nicht immer meine Schuld, aber trotzdem meine Verantwortung. Denn ich bin nicht früher losgefahren. Warum auch immer – ich habe es nicht getan. Und das ist nun der Preis.

Was wir wirklich brauchen in Momenten der Reue, ist Durchhaltevermögen. Wir müssen diese starke Emotion aushalten. Wir müssen aushalten, dass wir einen Fehler gemacht haben und ihn bereuen. Wir müssen aushalten, dass wir uns vielleicht schuldig fühlen oder uns schämen. Wir müssen uns der eigenen Kritik stellen und vielleicht auch der von außen. Und das Beste daran ist:

Wir werden es überleben. Reue bleibt, während bereuen vergeht.

Nur weil es unangenehm ist, heißt es nicht, dass es uns schadet. Nur weil wir es gern anders gemacht hätten, müssen wir uns nicht wünschen, dass es nie passiert wäre.

Vielleicht werden wir resilienter, klüger, belastbarer.

Vielleicht lernen wir uns selbst besser kennen, wissen das nächste Mal souveräner mit der Situation umzugehen.

Vielleicht sind wir aber auch eine ganze Zeit lang deswegen traurig. Auch das kann sein.

Eine Erkenntnis zu gewinnen kann ein Moment der Selbstwirksamkeit sein.

Er kann es sein und er darf es sein.

Er muss es nicht.

Es liegt an dir.

Avatar von viktoria.boettinger

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