Loslassen kann man üben…

„Wir kennen noch nicht jeden, den wir einmal lieben werden.“ habe ich in dem Buch „Von der Kunst das Leben leicht zu nehmen“ von Marie Luise Ritter gelesen. Der Satz hat augenblicklich etwas in mir bewirkt. Neugierde, Vorfreude, Faszination – für Szenarien, die ich noch gar nicht kenne. Er hat mir Hoffnung gegeben.

Liebeskummer kennen wir alle. Aber habt ihr schon mal um den Verlust einer Freundschaft getrauert? Gegen Gewohnheiten angekämpft, gegen Impulse. Plötzlich nicht mehr diese Nachrichten verschicken zu können, in der Sekunde in der dir ein Gedanke aufblitzt. Nicht mehr an gemeinsamen Traditionen festhalten zu können. Keinen Gesprächspartner mehr für ganz bestimmte Themen zu haben. Nicht zu wissen, wen man jetzt um Rat fragen soll. Die witzigen, kleinen Momente nicht mehr teilen zu können und auch nicht mehr gemeinsam lachen zu können. All das, was uns im Alltag nebenher begleitet hat. Und all das, was wir genossen haben. Das tut weh.

Manchmal merken wir schon vorher, dass sich etwas verändert hat. Wir wissen, dass wir gerade zwei verschiedene Wege gehen. Und versuchen dann vielleicht die Hand des anderen umso fester zu halten. Wir wollen nicht loslassen und auch nicht akzeptieren. Ja noch nicht einmal daran denken, dass wir nun an einer Gabelung angekommen sind. Wir müssen einander loslassen und gehen. Aber wir verschließen die Augen und sehen dabei auch uns selbst nicht mehr. Wir akzeptieren Dinge, die uns eigentlich nicht gefallen. Wir überhören vielleicht absichtlich Worte, die uns verletzen. Oder wir passen uns an, damit wir vielleicht noch zu den Farben des anderen passen.

Wir ignorieren unser Bauchgefühl, um nicht handeln zu müssen. Oder noch schlimmer – wir sagen uns, dass da doch gar nichts ist. Dass es nicht so schlimm ist. Dass es wie gehabt weiter gehen kann.

Aber wenn nichts ist, wieso änderst du die Geschichte ab und erzählst sie nicht so, wie sie war?

Besonders tut es weh, wenn man Menschen gehen lassen muss, die man eigentlich behalten wollte. Wenn Beziehungen oder Freundschaften sich so weit auseinander entwickeln, dass man sich fremd wird. Wenn man an einstigen Themen nicht mehr anknüpfen kann und die Zeit zusammen sich auch nicht mehr richtig anfühlt. Dann tut es einfach scheiß weh. Und schöner kann man es auch nicht sagen.

Jeder neue Weg kostet dich einen alten Pfad. Jede Entscheidung, jede Handlung, die dich voran bringt, treibt dich weg von etwas anderem. Natürlich fühlt sich das komisch an. Aber ist es deswegen eine schlechte Idee gewesen? Und selbst wenn; Manchmal muss man den Dingen auch erlauben, sich schlecht zu entwickeln. Denn jede Erfahrung ist auf ihre Art wertvoll.

Stell dir mal vor, du würdest jedes Ende vorausahnen. Vielleicht wärst du manchen Menschen schon von Anfang an aus dem Weg gegangen. Aber dann hättest du auch die schönen Erinnerungen nicht mit ihnen gesammelt.

Mein Lieblingsgedanke über Freundschaft ist der, dass jeder Mensch den wir in unser Leben lassen, ein Puzzlestück in uns hinterlässt. Vielleicht hat er dir dein heutiges Lieblingscafé gezeigt, vielleicht hat er dir verraten, welche Zutat nicht in deiner Bolognese fehlen darf. Vielleicht hat er dir einen Witz erzählt, über den du regelmäßig schmunzeln musst oder er hat dich ermutigt etwas zu tun, vor dem du heute keine Angst mehr hast. Jede kleine Sache ist ein Souvenir der gemeinsamen Reise, das du für immer behalten kannst.

Der Verlust einer Verbindung tut weh, weil so viele kleine Momente des Alltags nun auch den Nachgeschmack der Leere mitbringen. Aber das ist okay. Sei traurig, sei verzweifelt, sei enttäuscht, sei wütend, aber dann: Lass los.

Verweile nicht länger im Schmerz, als du musst. Werde nicht bitter, bleib nicht ständig stehen, um zurück zu blicken. Manchmal müssen wir zwei Dinge gleichzeitig aushalten: Dass wir lieben und dass wir loslassen. Du musst nicht aufhören zu lieben, aber du darfst trotzdem loslassen.

Du darfst vermissen und du wirst vermissen. Du darfst über Erinnerungen lachen, du darfst an diesen Menschen denken, du darfst ihn weiterhin lieben. Aber in anderen Farben. In blasseren. Und das ist okay.

Vielleicht sortiert sich das Gesamtbild jetzt neu, vielleicht wirst du viele Erlebnisse nochmal neu bewerten. Lass sie. Lass sie sich neu sortieren, lass sich all die Szenarien abspielen. Lass es weh tun. Und wenn dann Ruhe einkehrt, lass es ruhig sein. Halte die Stille aus. Halte die Leere aus. Und dann erbaue etwas Neues.

Dein Leben braucht dich heute. Gestern braucht es dich nicht mehr.

Avatar von viktoria.boettinger

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