Jein, vielleicht, mal sehen, weiß ich noch nicht…

Von Unverbindlichkeit in Dating und Freundschaft

Bestimmt habt ihr schon mal was von Situationships gehört, oder? Also einer romantischen Beziehung zwischen zwei Menschen, die zwar romantisch ist, aber zu wenig definiert, um eine feste Partnerschaft zu sein. Also zu zwanglos für eine Beziehung, aber trotzdem „exklusiv“. Quasi die Zeit zwischen Dating und Kennenlernphase.

Das klingt für mich wie die Regeln von irgendeinem komischen Brettspiel, das ich bitte niemals spielen will.

Aber das beschreibt genau, wie Menschen mittlerweile Verbindungen eingehen – möglichst mit vielen Notausgängen und unverbindlich. Ich höre oft Geschichten darüber, wie nach dem ersten Date geghostet wird (ghosten=sich nie wieder melden), wie die Antwortrate plötzlich einbricht, aber keiner richtig Klartext spricht. Das ist aber nicht nur ein Phänomen aus der Datingwelt, in freundschaftlichen Beziehungen ist es auch nicht anders. Man kann buchstäblich ein Jahr lang miteinander durch Dick und Dünn gehen, ändert sich dann aber der gemeinsame Rahmen, wie beispielsweise der Job, der Verein oder Sonstiges, gerät man genauso schnell in Vergessenheit. Und bleibt ratlos zurück mit der Frage: Hat dir diese Verbindung denn gar nichts bedeutet?

Und die Antwort ist, denke ich, erschreckender als die Frage selbst. Ich denke schon, dass wir einander etwas bedeuten, aber niemand ist mehr bereit, die Extrameile zu gehen. Niemand ist mehr bereit, miteinander Geduld zu haben oder einen Vertrauensvorschuss zu gewähren.

Trotzdem rühren uns die romantischen Geschichten jener alten Paare, die schon seit 50 Jahren verheiratet sind und immer noch miteinander lachen.

Meint ihr, die hatten auch eine Situationship, bevor sie exklusiv gedatet haben? Ich hoffe nicht.

Woher kommt dann dieser Drang, immer einen Fuß in der Tür zu haben?

Natürlich gibt es auch weniger gute Beziehungen, die uns als Beispiel dienen. Nehmen wir die, die sich eigentlich gar nicht lieben, aber trotzdem zusammenbleiben, wegen der Kinder, wegen der gemeinsamen Abhängigkeiten oder aus welchen Gründen auch immer. Diese Beziehungen sehen grauenvoll aus für Außenstehende und ich denke, dass, was man von außen schon so problemlos erkennt, ist innen noch viel schlimmer.

Auch wollen wir uns nicht mehr so viel gefallen lassen und ziehen schneller Grenzen als früher. Was gut ist, wenn es nötig wird und man gut kommunizieren kann. Ansonsten befürchte ich, kommt es eher zu mehr Unverständnis.

Ein Gedanke, auf den ich im Ergebnis immer wieder komme, ist folgender: Wir kommunizieren zwar, aber wir kommunizieren schlecht.

Es ist gut, dass wir Grenzen setzen können, dass wir erkennen, was uns stinkt, dass wir die Dinge benennen können und vielleicht sogar anhand von einem Beispiel beschreiben können. Aber dabei gerät dann die klassische Höflichkeit und der gegenseitige Respekt etwas in den Hintergrund.

Es ist zwar toll, dass man nach einem Date auf sein Bauchgefühl hören und für sich selbst beschließen kann: „Die Chemie stimmt nicht.“ Aber statt einfach nur die Nummer zu löschen, könnten wir vielleicht auch mal persönlich anrufen und sagen: „Hey, der Anruf mag jetzt komisch sein, aber ich würde dir gern persönlich sagen, dass ich denke, unsere Erwartungen an das Leben liegen zu weit auseinander, als dass wir uns gegenseitig glücklich machen könnten.“

Klingt vielleicht auch bescheuert, aber damit kann die andere Person wenigstens arbeiten. Statt zu rätseln, woran es gelegen hat.

Das Gleiche gilt für Freundschaften. Statt den Kontakt auslaufen zu lassen, der einst eine Freundschaft war, sollte man zu sich und dem Gegenüber ehrlich sein und sagen, was wirklich los ist. Vielleicht muss eine Beziehung dann ja gar nicht enden. Vielleicht denkt der andere ähnlich oder ganz anders und dann kann man darüber reden. Wie es auch immer ausgeht: Wenn eine Verbindung zwischen zwei Menschen geführt wurde, sollte sie auch zwischen zwei Menschen beendet werden.

Zu einer guten Kommunikation gehört natürlich nicht nur, dass ich mich respektvoll ausdrücken kann, sondern auch, dass mein Gegenüber es kann. Und: dass er in der Lage ist, mir zuzuhören. Denn sonst wird es schnell zu einer Diskussion, zu einem Streit oder Zickerei. Allerdings habe ich keinen Einfluss darauf, wie mein Gegenüber reagiert. Und ich denke, hier spielen dann Erfahrungswerte mit in die Entscheidung rein, ob man sich für Ghosten oder Reden entscheidet. Und somit entscheiden sich viele für den leichteren Weg.

Ich habe viel darüber nachgedacht, welche Variante die bessere ist. Natürlich habe ich schon beides gemacht: Geghostet und auch geredet. Meine Erfahrung war, dass Ghosten nicht unbedingt leichter ist, nur für den Moment vielleicht. Wenn aber Reden nicht funktioniert, es unweigerlich zum Streit führt und das Gegenüber, statt dir zuzuhören, nur in den Verteidigungsmodus geht, was ist dann? Soll man dann das 10. Mal reden?

Nein, dann muss man gehen. Dann will dein Gegenüber weder mit dir reden noch deine Gründe hören. Dann will er dir leider oft nur sagen, dass er nichts dafür kann oder wie du selbst in der Situation hättest besser handeln müssen.

Es ist schade, aber dann ist es so.

Mein Resümee für diese Situationen ist folgendes: Sprich einmal, sprich zweimal, sprich dreimal. Aber beim vierten Mal musst du gehen. Wenn du es bereits mit Reden versucht hast, es aber nicht funktioniert hat, dann musst du gehen. Ob du dann noch an der Tür Tschüss sagst, fällt meiner Meinung nach nicht mehr so sehr ins Gewicht. Denn du hast versucht, dich mitzuteilen.

Was wir also geben, sei es ein Gespräch, gutes Zuhören, Höflichkeit, ein respektvoller Umgang, wird sicherlich nicht von jedem an uns zurückkommen. Aber es sagt immer etwas über uns aus. Wie wir sind. Und das ist wichtiger, als sich in einer Konfliktsituation überlegen zu fühlen.

Halten deshalb Menschen ihre Beziehungen so zwanglos? Weil sie keine Lust auf Diskussionen haben? Weil sie keine Lust haben, sich ständig zu erklären?

Manchmal denke ich, die Kränkbarkeit eines jeden Einzelnen ist auch höher als früher. Irgendwie sind wir nachtragender, denken mehr über jedes Wort nach, ziehen voreilige Konsequenzen. Können wir denn gar nichts mehr aushalten? Weder einen doofen Witz, eine schlechte Laune oder gar Kritik? Und ich rede natürlich gerade von Einzelfällen, nicht von einem Dauerzustand.

Vielleicht gehört zu einer guten Beziehung also nicht nur eine gute Kommunikation, die Fähigkeit zuzuhören und zu reflektieren, sondern auch einfach nur ein bisschen Geduld.

Ich kann mich an zahlreiche Situationen erinnern, in denen mein Mann Geduld hatte. Mal für kleine Sachen, mal für große Sachen. Und auch mal für längere Zeiträume. Dafür bin ich sehr dankbar. Manchmal hatte er das Vertrauen, dass die Dinge schon wieder ins Gleichgewicht kommen, als ich das noch nicht abschätzen konnte. Und andersrum genauso. Wir haben uns quasi auf der Schiffschaukel an den Händen gehalten und nicht losgelassen, als der andere ins Wanken kam.

Nicht jede Verbindung, die uns wichtig ist oder war, wird uns für immer erhalten bleiben. Und das ist okay. Manchmal entwickeln sich Menschen und Situationen eben auseinander. Wir müssen uns deshalb nicht verbiegen, nur um das Ende ein bisschen hinauszuzögern. Aber vielleicht können wir unseren Umgang untereinander ja so gestalten, dass unser Gegenüber eine kleine Erinnerung von uns mitnehmen kann: Höflichkeit. Vielleicht möchten wir ja den Leuten im Gedächtnis bleiben, aufgrund der Art, wie unkompliziert wir kommuniziert haben.

Stell dir vor, wie viel Leichtigkeit wir in Beziehungen hervorbringen könnten, wenn wir alle nur eines sind: respektvoll.

Avatar von viktoria.boettinger

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