Wenn Selbstreflexion zur Persönlichkeit wird…
Wann sorgt viel Me-Time für zu viel Me-Time?
Es ist schon eine gute Sache, dass wir mittlerweile in der Lage sind Probleme zu identifizieren, zu verstehen woher sie kommen und etwas dagegen zu tun. Auch dass wir heute besser Nein sagen können als früher, uns bewusst abgrenzen und uns Zeit für uns nehmen. Es ist wichtig für uns und die Gesellschaft, denn wir sind ehrlicher miteinander. Wir sagen nicht ja, obwohl wir nein sagen wollen. Wir machen nicht mehr Dinge, die wir nicht wollen und auch nicht können. Oder mit denen wir uns unwohl fühlen. Wir kontrollieren, wann wir unserer Comfortzone verlassen, mit wem wir Zeit verbringen, was wir essen, lesen, konsumieren. Und diese Kontrolle gibt uns Kraft zurück, die uns sonst fehlen würde.
Genau darum soll es heute gehen, wie viel ist zu viel? Ab wann sind wir nicht mehr spontan oder handlungsfähig?
Natürlich verstehe ich jeden, der mal sagt „Es tut mir leid, ich kann nicht kommen. Mir geht es nicht gut und ich muss mich erholen.“ Nur wenn es bei jedem zweiten Treffen der Fall ist, dann verstehe ich es nicht. Denn dann frage ich mich, ob es dieser Person gut geht und sie mehr als nur erschöpft ist.
Ich verstehe auch, wenn Menschen etwas nicht tun wollen, weil sie Angst haben oder sich schämen. Ich gehöre selbst zu den Drückebergern, die jedem englischen Meeting aus dem Weg gehen und nichts mehr hassen als Betriebsausflüge, an denen man plötzlich mit 50 neuen Leuten reden muss, anfängt sich zu verhaspeln und am Ende etwas sagt, was man gar nicht so gemeint hat. Ich kenne das sehr gut. Und trotzdem finde ich es gut, wenn wir uns nicht jeder Angst glauben, dass sie etwas in unserem Leben zu melden hätte. Hätte ich diesen Ängsten nie ins Auge geblickt, hätte ich niemals die tollen Menschen kennen gelernt, die ich nun kennen darf. Ich hätte nie gedacht „Wow, du musst echt dein Englisch aufbessern.“ und mich bei einem Englischkurs angemeldet. Und ich hätte auch nicht die Orte besucht, die ich gesehen habe. Wenn ich jeder Angst die Entscheidungsmacht überlassen hätte, hätte ich niemals eine Weiterbildung gemacht und den Job gewechselt. Und wäre lieber in meiner Unzufriedenheit versauert. Denn genau das passiert: Uns geht es nicht besser, wenn wir der Angst das Zepter übergeben, sondern wir versauern daran. Kurzfristig mag es sich gut anfühlen, dass man jetzt einer unangenehmen Situation aus dem Weg gegangen ist, aber langfristig fragt man sich doch „Ist das wirklich alles, was ich kann? Ist da nicht noch mehr?“
Noch mehr als nur bei der Arbeit, lohnt sich dieser Mut im Kontakt mit Menschen.
Ich denke viele kennen das Gefühl, dass sie Gesprächen und Kontakten aus dem Weg gehen, weil sie denken sie mögen keinen Smalltalk und wissen auch nicht, was sie sagen sollen. Ich verstehe das. Früher war ich so schlecht darin, spontane Gespräche zu führen, dass ich nach 30 Sekunden rot angelaufen bin, angefangen habe zu stottern und irgendwann mal komplett aufgehört habe zu sprechen. Eines Tages hatte ich einmal den grandiosen Einfall, auf einen Geburtstag zu gehen, auf dem ich absolut niemanden kannte. Spoiler: Es war mehr Trauma als Heilung – denn ich war irgendwann vor lauter Nervosität schon fast apathisch. Ich saß da und habe mich jedem Gespräch entzogen, gleichzeitig wollte ich nicht gehen, weil das noch unangenehmer gewesen wäre. Ich habe mich selbst mit dieser Situation einfach überfordert und bin unvorbereitet reingegangen.
Was mir geholfen hätte, wäre vielleicht gewesen, sprechen zu üben. Erst vor dem Spiegel, dann vielleicht an einem Ort der mir vertraut ist, dann auf der Straße, und so weiter.
Mittlerweile bin ich eigentlich ganz gut darin. Es macht keinen Spaß und nach wie vor erfüllt mich kein Smalltalkgespräch, aber ich kann es. Und das zählt. Das ermöglicht viele neue Dinge und Situationen, neue Erlebnisse. Ich kenne viele neue Menschen, die ich auch nicht missen wollen würde. Ich habe neue Freundschaften geschlossen. Einfach nur weil ich nicht akzeptiert habe, dass diese Angst in mir übernimmt. Was ich heute weiß ist: Wir müssen nicht spontan alles richtig machen, wir brauchen einfach nur das richtige Werkzeug. Oder auch mal ein Ass im Ärmel. Dann erzählst du eben in jedem Gespräch die gleiche Story, Hauptsache sie funktioniert. Schließlich führst du keine Bewerbungsgespräche und dein Leben hängt nicht an der Meinung dieser Menschen. Das vergessen wir zu oft. Dass es am Ende nicht so unfassbar wichtig ist, wie es uns vorkommt.
Ich beobachte trotzdem immer mehr Unzuverlässigkeit in Beziehungen und Freundschaften. Jeder braucht Zeit für sich, ganz klar. Aber wie viel Zeit für sich führt am Ende zu zu viel Zeit für sich?
Meiner Meinung nach funktionieren langfristige Beziehungen nur, wenn auf Zuverlässigkeit und Spontanität Verlass sein kann. Wenn man nicht davon ausgehen muss, dass öfter ein Nein kommt, als ein Ja. Denn dann höre ich irgendwann mal auf zu fragen. Weil ich die Antwort schon kenne.
Wieso müssen wir uns überhaupt so oft von jeder Kleinigkeit erholen? Und wieso führen wir dann das Leben fort, das uns so dermaßen viel Energie kostet? Scheitert es wieder am Mut?
Wir klagen, dass wir überreizt sind, overstimulated, dass unser Nervensystem in Alarmbereitschaft geht. Und doch gehen wir am nächsten Tag wieder in genau das Leben, das uns regelmäßig in diesen Zustand versetzt zurück. Wir ändern gar nichts. Es ist zwar gut zu erkennen, dass wir überreizt sind und jetzt akut etwas dagegen tun müssen. Aber nur das Symptom regelmäßig zu lindern, hilft am Ende nicht, das Problem zu lösen.
Manchmal denke ich auch, dass Menschen sich gern beim Problem aufhalten und darüber philosophieren. Ich kenne das; es ist leichter. Aber am Ende nützt es leider nicht. Dann habe ich all diese wunderbaren Bücher über Selbstheilung, Selbstliebe, Akzeptanz, etc. falsch verstanden. Es ist sehr wichtig, dass jeder für sich genug Klarheit besitzt, um seine Probleme zu erkennen und zu identifizieren. Aber es ist noch viel wichtiger, ab hier weiter zu machen. Denn das Problem muss ja nicht zum Inventar gehören. Ich darf es lösen. Ich darf einfach etwas probieren, ich darf scheitern, dann nochmal etwas probieren. Und so weiter machen, bis es geklappt hat. Denn es wird niemand anderes kommen, der das für mich macht. Nur ich kann das für mich tun.
Nichts tut mehr weh, als zurückzublicken und zu bereuen. Denn das tue ich, ich blicke zurück auf all die Zeit in der ich durchaus wusste, hinter welcher Tür meine Probleme warten, um von mir gelöst zu werden, ich aber zu große Angst hatte, die Tür zu öffnen und reinzugehen. Rein ins Problem, durch das Problem. Ich habe so viel Zeit vor dieser Tür verbracht, dass ich dort schon ein Zelt aufgeschlagen habe. Kennt ihr das Zelt aus Harry Potter, in dem es Küche, Bad und Schlafzimmer gab, mit Deko und Tee und Keksen und so weiter? Von diesem Zelt rede ich.
Und dachte, ja ja so ist das Leben. Bis ich irgendwann mal, weil ich es vor dieser Tür schon so gemütlich hatte, versehentlich reingefallen bin.
Spoileralarm: Hinter der Tür war nichts.
Ok, es tat weh – Du musst die Gefühle aushalten, sortieren, zuordnen, akzeptieren und am Ende ziehen lassen. Aber mehr ist da nicht. Die Horrorszenarien treten nicht ein, keiner verlässt dich deswegen, dein Leben nimmt keine urplötzliche Kehrtwende und du erleidest auch keinen Schicksalsschlag. Dir geht es halt mal ein paar Wochen mies, bis du verstanden hast, was das da drinnen soll und dir sagen will. Und dann geht es weiter. Das ist der ganze Spuk dahinter.
Außer natürlich, du lässt nicht los, dann geht es auch nicht weiter. Aber so ist es ja mit allem.
Kennt ihr diese Menschen, die ihre gesamte Persönlichkeit auf ihren Problemen aufbauen? Die in dieser Rolle der Armen und Gepeinigten so gut sind, dass sie jedes Gespräch darin münden lassen, jede Handlung danach bestimmen und mit den Gedanken beim Aufwachen und Einschlafen nur noch dort sind?
Das bist du, wenn du vor der Tür campst.
Letztlich glaube ich, dass uns allen mehr Mut gut tun würde. Es ist toll, dass ich nun Sachen besser definieren und benennen kann. Aber es gehört auch zum zweiten Teil der Arbeit an mir selbst, dass ich auch was draus mache. Nur zu identifizieren reicht nicht. Denn dann habe ich irgendwann einen Berg voll Probleme, vor denen ich davon laufen muss. Und lande unweigerlich wieder im Zelt. Es gibt immer jemanden, zu dem ich gehen kann, wenn ich Hilfe brauche. Und wir wären erstaunt, WIE bereit andere sind, uns zu helfen, wenn wir denn nur fragen. Und wir wären erstaunt, WIE VIEL wir bewirken können, wenn wir es nur versuchen.
Natürlich gibt es auch Probleme, die größer sind als wir und gegen die wir nicht einfach mir nichts dir nichts etwas unternehmen können. Und es helfen da auch keine schlauen Texte, Tipps oder Bücher. Wenn du dich angesprochen fühlst, dann fühl dich umarmt. Und sei dir gewiss: Auch du kannst dir Hilfe suchen. Es gibt immer jemanden, der dich verstehen kann. Der mehr weiß als du. Und noch besser ist es, wenn du zu jemandem gehst, der eine Ausbildung darin genossen hat, anderen Menschen zu helfen. Sich also ganz bewusst dafür entschieden hat, sich dieser Aufgabe mindestens 8 Stunden zu widmen. Es gibt keine Situation, in der wir allein sein müssen. Aber dafür benötigt es deinen Mut.
Trau dich, ich glaube an Dich! Und wenn du es auch tust, sind wir schon zwei.
Falls du Hilfe brauchst, aber nicht weißt wo du anfangen sollst, habe ich für dich nach ein paar Links gesucht, die dir vielleicht helfen könnten:
- Akute Hilfe – AufeinanderAchten
- HilfeRadar – Hilfsangebote in deiner Nähe finden!
- Telefonseelsorge: anonyme und kostenfreie Chat- und Mailberatung und Telefonberatung unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 – rund um die Uhr, auch an Sonn- und Feiertagen
- Kinder- und Jugendtelefon „Nummer gegen Kummer„: anonyme und kostenlose Online-Beratung und Telefonberatung unter 116 111 (montags bis samstags 14 bis 20 Uhr)
- Elterntelefon „Nummer gegen Kummer“: anonyme und kostenlose Telefonberatung unter 0800 – 111 0 550 (Mo/Mi/Fr 9-17 Uhr, Di/Do 9-19 Uhr)

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