Rolling ocean waves with distant cliffs beneath a cloudy sky

„Hallo, willst du mit mir spielen?“ – “Ok.“ – Fertig, neuen Freund dazu gewonnen.

Stell dir mal vor, du siehst einen wunderschönen Sonnenuntergang, du willst ein hübsches Foto von dir in dieser Kulisse. Würdest du einfach die nächstbeste Person, die dir begegnet fragen, ob sie dein Handy nimmt und ein Foto von dir macht? Wahrscheinlich nicht. Du würdest versuchen einzuschätzen, ob die Person vertrauenswürdig ist, ob sie einen Sinn für Ästhetik hat und ob sie dir nicht sofort eine harsche Abfuhr erteilt.

Man könnte natürlich argumentieren, dass Kinder wesentlich unschuldiger sind als Erwachsene. Ja… Aber du hast wohl noch nie den Verlust deiner Sandburg betrauern müssen, weil dein Baupartner wild mit seiner Schaufel darauf eingeschlagen hat. Kindern kann man in manchen Hinsichten genauso wenig trauen wie Erwachsenen, diesen Schlingeln.

Der einzige Unterschied ist doch, dass es uns einfach nur nicht gekümmert hat. Wir sind das Risiko eingegangen, weil wir keine Erwartungen hatten. Und wir hatten auch keine Angst davor, enttäuscht zu werden.

Heute ist das mit den Erwartungen an so eine Freundschaft schon wesentlich anders. Wir wählen weise. Wir wollen Freundschaften, die uns erfüllen, die uns geben was wir brauchen. Aber erwarten wir dann vielleicht von jeder einzelnen Person zu viel?

Wir wollen, dass Freundinnen gemeinsam lachen, für jeden Spaß zu haben sind, uns zuhören, uns verstehen, einen lebensverändernden Ratschlag für jedes Problem parat haben und in den Bereichen Filme, Musik, Essen dieselben Vorlieben haben. Und sind enttäuscht, wenn es doch nicht so ist, wie wir es uns vorstellen.
Aber wie realistisch ist das? Suchen wir so vielleicht keine Freundin, sondern unseren verschollenen Zwilling?

Auch sind wir in Freundschaften, besonders weiblichen Freundschaften wesentlich weniger gnädig was das Verzeihen angeht, als in Beziehungen zu Männern. Weil man an Männer einfach nicht dieselbe Erwartungshaltung hat, als an Frauen. An dieser Stelle könnte ich anfangen, das Patriarchat zu beschuldigen, aber wir haben es alle schon 100 Mal gehört. Letztlich muss auch jeder selbst was aus dem Wissen machen, statt einen Schuldigen zu suchen.

Der Punkt ist: Eine Frau muss viel Druck aushalten und vielen Erwartungen gerecht werden.

Aber der Punkt ist auch: In anderen Köpfen mag das existieren, aber in unserem Mikrokosmos muss es das nicht. In unserer kleinen Welt können wir machen was wir wollen und wir können lieben wie wir wollen.

Wenn wir uns diese Sandkastenfreundschaften anschauen, die bis ins Erwachsenenalter funktionieren, haben sie wohl eines gemeinsam – Akzeptanz. Nicht nur gegenüber der Person und der Art wie sie sich entwickelt, sondern vielmehr auch dessen, dass man nicht erwarten kann, dass alles immer gleich bleibt. Sobald ich diese angespannte Vorstellung loslasse, dass Freundschaft nur richtig ist, auf die Art wie ich sie begonnen und kennen gelernt habe, bin ich frei. Zumindest ich für mich fühle mich dadurch leichter. Vielleicht geht es auch darum, inwieweit wir bereit sind, den Weg unserer Freundinnen mitzugehen. Auf unserer Seite der Straße, aber trotzdem zusammen.

Freundschaften sind wohl die wandelbarsten Beziehungen. Freundinnen erleben ihre Jugend zusammen, ihre Studienjahre, die erste Berufserfahrung, Dating, Beziehung, Heirat, Mutterwerden. Man trifft sich vielleicht auch irgendwo mittendrin. Wie können Beziehungen funktionieren, wenn wir nicht bereit sind uns immer wieder neu kennen zu lernen? Wir dürfen niemals davon ausgehen, dass wir alles übereinander wissen. Wie auch, wenn wir nicht einmal alles über uns selbst wissen?

Und wann ist es so geworden, dass man sich nicht mehr traut miteinander zu reden? Wieso kann ich nicht zum Hörer greifen und sagen „Hey, das hat mich verletzt.“, ohne vorher in Angst zu verfallen, dass ich aufgrund dieser Offenbarung vielleicht einen Streit hervorrufe. Wieso fressen wir unseren Kummer in uns hinein?

Freundinnen sind nicht Therapeutinnen, Ratgeberinnen oder Problemlöserinnen in Rufbereitschaft. Natürlich nicht. Aber wir können schon Kritik aushalten, unangenehme Gespräche führen und uns entschuldigen, ohne dass uns ein Zacken aus der Krone fällt, oder?
Freundinnen sind keine Allroundtalente. Sie sind Wegbegleiterinnen. Zwei Welten treffen aufeinander. Dann darfst du meine Welt sehen und ich deine. Bei mir wächst Pommes auf den Bäumen und bei dir regnet es Fanta. Das klingt doch furchtbar spannend.

Im Endeffekt denke ich, dass unsere heutige Schaufel die Erwartungshaltung ist. Wir erwarten zu viel, statt einfach im Moment zu leben. Statt zuzuhören, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren und einfach die gemeinsame Zeit so zu erleben, wie sie gerade ist.

Dieser Text ist deine persönliche Einladung, die Dinge nicht immer so engstirnig zu betrachten. Denn ich glaube, mehr als Einsamkeit, gewinnt man durch das übertriebene Festhalten an Prinzipien nicht. Und ich rede selbstverständlich nicht von den Human Basics.

Avatar von viktoria.boettinger

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